Für eine Handvoll Dollar

9. Juni 2011

Kino.to wurde gestern von der Kriminalpolizei “lahmgelegt”. Ich will mich gar nicht lange damit aufhalten, zu erörtern, warum ich das gut oder schlecht finde und wo da rechtliche Bedenken anzumelden wären. Es ist ein Detail in der Berichterstattung, das mich stutzig gemacht hat. Die Allgemeine Zeitung schreibt heute:

Die Website hat etwa vier Millionen Nutzer täglich. Sowohl der Schaden für die Filmwirtschaft als auch die Gewinne der Hauptbeschuldigten liegen laut Klein im siebenstelligen Euro-Bereich.

Wolfgang Klein ist übrigens der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, die offensichtlich mit diesem Fall beschäftigt ist. Nun ist “im siebenstelligen Euro-Bereich” nicht gerade die präziseste Angabe, der Vergleich zeigt allerdings, dass sich Gewinn der kino.to-Betreiber und Verlust der Filmindustrie, liebevoll auch Content-Mafia genannt, in etwa die Waage halten. Da fragt sich doch der gesunde Menschenverstand: Wenn man mit einer Seite, die kostenlos Filme im Briefmarkenformat und mit verschobener Tonspur anbietet, so viel Geld verdienen kann, warum machen die Studios das nicht selbst?

Warum sind die Produzenten alle derart darauf verbissen, dass ja niemand ihre teuer abgedrehten Streifen zu sehen bekommt, ohne dafür ein Ticket zu kaufen, dass sie das dicke Geschäft lieber einer handvoll IT-Fuzzis aus Ostdeutschland überlassen? Man braucht kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Lücke, die kino.to hinterlässt, sich ganz schnell wieder schließen wird, mit ähnlichen Angeboten und letztlich ähnlichen Einnahmen beziehungsweise Verlusten. Mit dem Geld, dass dann wieder in die Hand genommen wird, um irgendwelche dubiosen Anwaltskanzleien durchs Netz zu jagen und die Übeltäter aufzuspüren, könnte man locker eine Streaming-Webseite mit geeigneter Infrastruktur aufbauen. Man müsste nur mal über seinen Schatten springen.

Übrigens: Seitdem die britischen Spaßkanonen von Monty Python nahezu alle ihre Sketche kostenlos auf YouTube anbieten und dann auf ihre DVD-Boxes bei Amazon verlinken, sind die Verkäufe um 23000 Prozent gestiegen. Dreiundzwanzigtausend Prozent. Wenn man bei den Zahlen bei Warner und Co kein Pipi in die Augen bekommt, dann weiß ich auch nicht.

Nachtrag: Bei netzfeuilleton.de ist ein interessantes Interview zu dem Thema mit einem “Insider” zu lesen.

Nachtrag 2: Mathias Leornady, Chef der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) hat der Wirtschaftswoche ein ziemlich selbstgefälliges Interview gegeben. Dazu muss man wissen, dass die GVU so etwas wie die Stasi der Film- und Musikindustrie ist. Dieser Herr Leornady gibt ebenda auch ganz unverblümt zu Protokoll, warum er die Schließung von kino.to veranlasst die Kriminalpolizei bei den Ermittlungen tatkräftig unterstützt hat:

Natürlich hoffen wir, dass die Nachfrage nach legalen Angebote jetzt stark beflügelt wird. Aber uns ist klar, dass sich nicht jeder Ex-Kino.to-Nutzer bei Maxdome und Videoload anmeldet oder ins Kino gehen wird. Doch wird der Hinweis, den die Polizei auf die beschlagnahmte Web-Site gestellt hat, einigen noch mal klarmachen, dass dieses Angebot illegal und die Nutzung mit dem Risiko der juristischen Verfolgung verbunden ist.

Ja nee, is klar… Das klingt ja wie Zuckerbrot und Peitsche. Nur ohne Zuckerbrot. Weil die tollen Angebote der Unterhaltungsindustrie, Maxdome und Videoload, so mies programmiert und teuer sind, dass sie es alleine am Markt nicht schaffen, lassen die Betreiber also ihren militanten Arm aufmarschieren und die vermeintliche Konkurrenz ausknipsen. Und der tolle Wiwo-Redakteur gibt ihm auch noch ein Forum, das zu feiern. Die Tatsache, dass die Schließung von Kino.to (als Linkseite ohne illegalen Content) alles andere als rechtlich wasserdicht ist, wird natürlich nicht hinterfragt.

Da freut es mich insgeheim schon, dass die GVU jetzt den Zorn des Webs zu spüren bekommt, auch wenn Anonymous natürlich schon irgendwie albern ist. Frei nach dem Motto: “Deine Regierung schaltet das Internet ab? Schalte du deine Regierung ab!”

4 Antworten zu „Für eine Handvoll Dollar“

  1. BioBlubb Sagt:

    Ich geb dir in den allermeisten Punkten recht – insbesondere, was die Dämlichkeit der Industrie betrifft. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, wurden die Verdächtigen ja nicht fesgenommen, weil sie auf kino.to die Links angeboten haben. Man wirft ihnen vor, auch an den Filehostern beteiligt zu sein. Deswegen lautet der Tatvorwurf auch nicht Urheberrechtsverletzung, sondern Bildung einer kriminellen Vereinigung.


  2. [...] einigen Tagen hatte ich ja meine Meinung zum Abschuss von kino.to [...]


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