Kirchenmusik

25. September 2011

Folgende Geschichte hat sich eventuell heute so abgespielt:

Ich war heute in der Kirche. Rein beruflich. Während ich da so saß, in froher Erwartung ob des rituellen Spektakels, das auf mich einprasseln sollte, kam mir ein Vorwurf in den Sinn, den sich insbesondere die katholische Kirche in letzter Zeit wohl anhören musste: Sie sei nicht modern, nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Ist das so?

Schon beim betreten des in der Tat etwas älteren Gotteshauses fielen sie mir auf, die zahlreichen Mikrofone. Was ein bisschen so aussah, wie kurz vor der Pressekonferenz zur Käßmann’schen Trunkenheitsfahrt, war lediglich die noch nicht ganz kalibrierte Technik der „Teenager-Projekt-Band“, wie sich herausstellen sollte. Einen weiteren ungläubigen Blick erntete die große Projektion, die per Beamer über einer spätbarocken Maria-mit-Kind-Statue eine Collage westafrikanischer Wallfahrts-Bilder an die Kirchenwand warf. Der Pfarrer hat damit wohl seinen Gast aus einer senegalesischen Partnergemeinde würdigen wollen, dessentwegen auch ich dort war. Alles in allem ein surrealer Anblick.

Beeindruckt von einer derartigen Technik-Vielfalt machte ich es mir in sicherer Distanz bequem. Es waren noch einige Minuten, bis zum Gottesdienst und ich versuchte mich in dem, was man als Christ wohl einen „Dialog mit Gott“ nennt. Doch obwohl es eine harte, kurze Nacht war und ich einiges mit dem lieben Herrgott zu besprechen hätte, wurde ich schnell, unsanft wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt. Von der „Teenager-Projekt-Band“. Derartige Musikgruppen haben zwei Mankos: „Projekt“ heißt meist, es war nicht viel Zeit zum Üben. Und „Teenager“ bedeutet, dass die ersten zwei Reihen mit Familienangehörigen besetzt sind, die den „großen Auftritt“ ihres musikalischen Hoffnungsträgers auf Video-Tape bannen wollen – oder neuerdings auf SD-Karte. Beides ist, sagen wir, der Ästhetik und Würde eines Gotteshauses wenig angemessen aber offenbar nicht zu vermeiden.

So plätscherte der Gottesdienst vor sich hin und meine anfängliche Bewunderung wich wieder der Müdigkeit. Doch just als die digitale Anzeigentafel den Kirchenbesuchern mitteilte, dass die „Teenager-Projekt-Band“ jetzt versuchen würde, Lied 55 – „Gloria in excelsis deo“ – zu spielen versuchte, passierte es. Wahrscheinlich geblendet vom Blitzlichtgewitter der familieneigenen Blackberrys, iPhones und Nokias verhedderte sich die Querflötenspielerin irgendwie zwischen dem Kabel ihres digitalen Tonabnehmers und dem E-Gitarren-Kabel ihrer Nachbarin. Mit einem lauten Krachen riss sie drei der sieben Mikrofonständer um.

Schlagartig war es still. Nur entfernt war ein letztes Kamera-Klicken zu hören. Mit offenem Mund standen der Pfarrer, sein westafrikanischer Besucher und die Gemeinde für eine Sekunde da. Eine Situation, die an Komik schwer zu überbieten ist, dachte ich. Bis ich hochblickte: In der Zwischenzeit war der Bildschirmschoner der Afrika-Collagen-Projektion angegangen und mit gefühlten 5000 ANSI-Lumen schwebte, dem heiligen Geist meiner Fantasie erschreckend ähnlich, ein riesiges „WINDOWS XP PROFESSIONELL“ – Logo über der sichtlich beschämten Querflötenspielerin.

Von wegen altmodisch. Die katholische Kirche ist topmodern ausgestattet – sie weiß nur nicht, damit umzugehen.

Eine Antwort zu „Kirchenmusik“


  1. Herrlich …, mir kommen die Tränen – vor Lachen.

    Herzlichen Dank für diese Veranstaltungsskizze. Solche Situationen entstehen, wenn`s besonders feierlich sein soll,
    in der Kirche oder auf dem Friedhof …

    Ihr Henning zu Henningsheim. :-)


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